NI - Ein Plädoyer für Begrenzung und Reifung
- Mu-un Ra

- 3. Sept. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Sept. 2025
NI. Kennen Sie nicht? Ich bis eben auch nicht. Im Kreis von Freunden haben wir vorgestern sehr inspirierend über KI gesprochen. Ich bin schon lange und je älter ich werde skeptisch gegenüber der künstlichen Intelligenz. Ja, ich kann die unbestreitbaren Aspekte der Vereinfachung, der Beschleunigung, der Unterstützung und Übernahme lästiger Tätigkeiten sehen.
Und (ich nutze bewusst kein aber) …ich habe Fragen und Zweifel.
Was ist lästig und warum genau ist das wohlmöglich hilfreich?
Was ist langsam und warum genau muss etwas schneller werden?
Was ist an einfach besser oder besser herausfordernd schneller langsam nicht auch gut?
UND wieviel Vereinfachung und Beschleunigung keine eine WeltGesellschaft in diesem Reifegrad ohne planetaren Kollaps verantworten?
Im nochmaligen Reflektieren des Gespräches am Lagerfeuer vor 2 Tagen frage ich mich dann plötzlich, ob es eigentlich jemanden gibt, der für die natürliche Intelligenz eintritt und ihre Erhaltung und Pflege im Auge hat.
Zeit und Raum

Ein Aspekt der Entwicklung von KI und einhergehend den immer größeren Rechenkapazitäten verteilter Systeme ist die enorme Beschleunigung von Erkenntnis-Gewinnung und Erledigung von komplexen Aufgaben jenseits der bisherigen Kenntnisse und Fähigkeiten des Einzelnen. Bei meinem Zuhören im Umfeld meiner vor allem männlichen Freunde stelle ich fest, dass gerade sie eben von diesen Möglichkeiten der Beschleunigung und dem erfolgreichen und effektivem Bewegen in bisher unbekannten Räumen so begeistert, geflasht sind. Es ermöglicht auch mit 60 Jahren in Sekundenschnelle in Räume vorzudringen, die eigentlich unmöglich zu erreichen wären. Damit einher geht vermutlich das wohlige Gefühl einer geradezu jugendlichen Leistungsfähigkeit im Geiste.
Hier ist die KI vermutlich in etwa das, was das Exo-Skelett im Bereich der körperlichen Steigerungsfähigkeit der Leistung ist oder die Drohne im Bereich der Wirkkraft außerhalb des eigenen physischen Horizontes. Das Gute dabei ist, dass die eben genannten Freunde mit den Ergebnissen der KI in ihrer Reife umgehen können. Sie stellen intelligente Fragen, die der KI ein noch erfolgreicheres Training ermöglicht und das Ergebnis der Antwort deutlich verbessert.
Eine Feststellung:
Zeit und Raum erweitern sich mit der Nutzung von KI deutlich mehr als linear, mindestens exponentiell. Ich spüre in meiner natürlichen Intelligenz als Reaktion drauf Unbehagen. Will ich meine Wirksamkeit mit diesem Hilfsmittel exponentiell erweitern und so mit einem Wimpernschlag in der Lage sein gleich noch zwei Berufe halb ausüben zu können? Und wenn ja, zu welchem Zwecke? Nur weil ich mehr in kürzerer Zeit erledige wird mein Leben nicht automatisch erfüllter?
Eine Idee:
Um der eigenen natürlichen Intelligenz Zeit zu geben, nachzukommen und auch sie zu ehren. Wie wäre es mit jeder Nutzung von KI das Gesamtsystem quasi mit einer Ausgleichsmaßnahme wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Analog mit Umgang mit unserem natürlichen Planeten. Für einen gefällten Baum wird ein neuer gepflanzt.
Ein Beispiel:
Die KI übersetzt für mich einen komplexen Text in einfache Sprache und nimmt mir ab, ihn mehrfach zu lesen und selber mit Hilfe von Zeichnungen, Text und Nachdenken den Inhalt zu verstehen und auch einen Umweg eines falsch Verstehens, Anwendens und Scheiterns zu nehmen.
Zeitgewinn netto: 1h. brutto: Nerv, Unsicherheit und Scheitern kosten in Lebenszeit oft mindestens doppelt, also 2h.
Ein Deal:
Im Gegenzug für dieses Geschenk investiere ich eine halbe Stunde in Zeit und Raum in der analogen Welt. Ich gehe spazieren, etwas langsamer als gewöhnlich und bedenke die Schönheit eines Kieshaufens, einer Entenfeder oder einer gekräuselten Wasseroberfläche. Ich meditiere jenseits von Problem und Lösung. Ich spreche mit einem Menschen (Bedingung: Das gerade per KI gelöste Problem ist kein Thema darin!) und teile von etwas für mich Bedeutsamen in meinem analogen Leben und höre ihn oder sie dazu.
Last und Arbeit

Für mich zum Beispiel ist lästig, einfache Handgriffe, etwas stupide Verrichtungen immer und immer wieder machen zu müssen. Der Sisyphos in mir ist davon schnell und schon mein Leben lang müde.
Dieses Phänomen is so alt, wie es Menschen gibt. Das ewige Umherstreifen nach Nahrung, Jagen und Sammeln nervt nach einigen tausend Jahren gewaltig. Also doch lieber sesshaft werden und züchten, dann fällt das nervige Bewegen dabei weg. Und das Ergebnis ist auch verlässlicher. Einige evolutionäre Schleifen später nervt das händische Säen und Ernten und vor Allem das Unkraut dabei sehr. Also müssen Maschinen her und Dünger. Und wenn wir schon zu viel produzieren, weil es jetzt so gut läuft. Warum nicht das Zeug verkaufen und davon andere säen und ernten lassen. Man kann drinnen bleiben, muss nicht im Regen raus und umgraben oder ernten. Aber ist auch doof. Natur war auch ganz nett. Also mal raus und aufs Land fahren und eine Woche auf dem Bauernhof arbeiten als therapeutische Maßnahme oder noch besser im Steinzeit-Bootcamp für 5000 Euro die Woche.
Was also ist eigentlich der Sinn von Entlästigung? Mir zeigt diese etwas zugespitzte Nummer dort oben, dass Last eigentlich immer ist. Gebe ich die eine ab, kommt die nächste. Und die eigentliche Sisyphos Aufgabe ist die immer währende Last. Die nächste Entlästigung, über das Auto, das Telefon, die Waschmaschine, den Computer, das Smartphone, die KI erbringt wenig später die nächste neue Last: Jetzt habe ich Dank KI zwei neue Berufe. Kann ich alles noch nebenbei machen. Aber was sind die stressig. Ich muss sofort zum KI-Therapeuten, der mich so effektiv wieder herstellt, dass ich glaube, jetzt noch zwei Berufe jetzt gut wuppen zu können.
Eine Feststellung:
Last ist Teil des Lebens. Weg machen ist keine Option. Sie dosieren, lassen, im schlimmsten Fall mit Lächeln, Gleichmut oder sogar unverschämten Genuss zu tragen, das ist die eigentliche Herausforderung. Für diese braucht es dann aber eigentlich keine KI, sondern die natürliche Intelligenz, die Leben mehr mit Sein als mit (immer mehr) Tun erleben kann.
Und wer jetzt sagen will: Aber eben das eröffnet doch KI. Mehr Zeit für Sein. Der probiere, sich eine halbe Stunde den Himmel anzusehen und sich zu fragen ob die Wolken da oben mehr sind oder mehr tun…
Eine Idee:
Sein probieren, einladen und pflegen im täglichen Leben. Das mag sich (haha) lästig anfühlen. Ja, es ist beileibe nicht einfach. Es ist eben eine Kunst und wie Milan Kundera so richtig formulierte eine unerträgliche Leichtigkeit. Beim einfach nur Sein in Stille ohne Tun schweigt jede KI, sie ist schlicht überflüssig.
Ein Beispiel:
s. Deal beim vorigen Thema
Einfach oder Vielfalt

Ja, ohne Schleifen, ohne Last und ohne Stress zum Ziel zu gelangen ist nach Matrix-Definition wohl einfach. Ich nehme Dinge gerne wörtlich. Das passt alles in ein Fach, es ist also einfach.
Genauso wörtlich nehme ich an dieser Stelle das Vielfalt. Ein Blatt, dass mehrfach gefaltet wird, im Zweifel unendlich oft. Quer und anders und gegen den Strich und nochmal anders… bis ein Kranich draus geworden ist.
Oh, kein gutes Beispiel. Im Falten bin ich schon immer nicht wirklich gut gewesen, Papierflieger geht gerade noch. Und ja, ich habe es, vor Allem mit dem älter werden gerne einfach.
Ich nehme das Leben allerdings mit eben jenem älter werden als das an, was es mir zu sein scheint. Ein großes Experiment, welches herausfinden will, ob verbunden sein mit verschieden sein ohne tot hauen geht. Zugehörig und dennoch frei sein. Geht das? Diese Aufgabe zu lösen, sich zu erproben, trainieren darin ist meiner bisherigen Kenntnis nach das größte Vielfalt, das es geben kann.
Das drumherum vereinfachen, permanent und immer schneller ist meiner Vermutung nach die größte Ablenkung, die es geben kann in der Bewältigung des Vielfalts "Mensch und Leben mit anderen Wesen". Es lenkt ab vom analogen falten jeden Tag. Ich mit Dir, Wir mit Euch.
Eine Feststellung:
Daher bin ich fest davon überzeugt, dass hier die natürliche Intelligenz, die langsam und analog ist, die Einzige ist, welche das Vielfalt "Mensch und Leben mit anderen Wesen" falten oder entfalten kann. Spannende Frage oder? Ist das Ziel der Kranich und das ganze Blatt? Oder die Faltung an sich und das Ergebnis ist nachrangig? Oha, vielleicht kann man eine KI damit aus dem Takt bringen. Falte, aber das Ziel ist, kein Ziel zu erreichen!
Eine Idee:
Eine KI-Nutzung pro Tag bewusst stoppen und stattdessen Ihre geniale NI nutzen und einen Menschen ansehen, ansprechen, berühren und einladen zu einem gemeinsamen Moment des Faltens… in die eine oder andere Richtung.
Wie reif sind wir?
Keine Ahnung. Eigentlich hört es bei meinen Nachbarn schon auf. Ich habe treffliche Vermutungen und Vorurteile in die Richtung. Ganz bestimmt. Und wenn es um den Stadtteil, das Land, den Stadt, die Nachbarländer und das Land da ganz weit hinten geht noch viel mehr. Aber wirkliche Aussage über die Reife anstellen der Menschheit? Kann ich eigentlich nicht.
Ich kann aber die Versuchung spüren, die immer die Reife testen will. (Das war schon 1000de Jahre vor KI so)
Die Versuchung…
…einfache Dinge zu glauben. Einfache Wahrheiten zu erzeugen, die einfache Geister einfach und schnell glauben, ist mit KI gefährlich einfach.
…Schuld zu verteilen, zu verschieben. In Sekundenschnelle zu verurteilen und Tatsachen zu schaffen, die vernichtend sind, ist mit KI gefährlich einfach.
…mit nur einem Klick das eigene Denken zum umgehen. Verantwortung, Abwägung, von allen Seiten besehen und innehalten einfach zu umgehen, ist mit KI gefährlich einfach.
...mit einer Stunde KI-Arbeit ein bisher unlösbares Problem zu lösen. Arbeitsplätze, Berufe und Broterwerb in jedwedem Bereich zu vernichten in kürzester Zeit, weil ich sparen oder mich beweisen will oder muss, ist mit KI erschreckend einfach.
Am Ende ist mir klar…

Die Evolution unserer Spezies, die durch die scheinbare Unbegrenztheit unseres Geistes immer weiter geführt wird, hat diesen nächsten Schritt bereits getan. Er ist nicht mehr aufzuhalten (das waren Auto und Computer ebenso wenig).
Daher möchte ich mich auch nicht verstanden wissen als einer der Oldies, die einfach nur den neuen magischen Zauberers KI ablehnen.
Ich werbe für ein wenig Verzögerung und innehalten, in der Hoffnung, dass der evolutionäre Ruckler mit dem nächsten Schritt KI nicht zu schmerzhaft wird für die Generationen, die seine Folgen tragen müssen. Und ich werbe für den Erhalt und die Pflege der natürlichen Intelligenz, die den Aspekt der Intuition, des HerzDenkens und auch des BewusstSeins jenseits von Zeit und Raum absolut umschließt.
Tipp: Lust auf NI-Aktivierung durch Innehalten, Verbundenheit oder Freiheit?

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